Jetzt oder nie!
Von der STRUKTURREFORM des DFB versprechen sich viele Vereine eine bessere Wettbewerbs-Fähigkeit. Das
große Problem: Nur 20 von 37 Regionalligisten können sich für die neue Dritte Liga qualifi zieren. Eine
Klasse tiefer ist der Wettbewerb noch viel schärfer. Insider fürchten, dass sich einige Klubs übernehmen.
Stand Xavier Naidoo als Begleiter der Nationalmannschaft im Sommer 2006 mit seinem Song „Was wir alleine nicht schaffen“ als Synonym für den Teamgeist der Klinsmann-Truppe, so könnte der Pop-Barde in einem seiner früheren Songs bereits die kommende Saison in der Regional- und Oberliga beschrieben haben: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer.“ Strukturreform heißt der Schlüsselbegriff, und dieser bedingt für das Spieljahr 2007/08 die Knochenmühle der Qualifi kation. Im August dieses Jahres wird für die Beteiligten alles andere als ein Sommermärchen beginnen, darin ist sich die Branche einig. „Das Hauen und Stechen wird extrem werden“, befürchtet Holger Stanislawski, zumindest vorübergehend in Personalunion Trainer und Sportlicher Leiter beim FC St. Pauli. Kiels Sportdirektor Peter Vollmann glaubt: „Es war früher schon so, dass sich Vereine in solchen Situationen übernommen
und vielleicht sogar die Lizenz nicht ganz korrekt erworben haben. Alle werden an die Schmerzgrenze gehen. Wer sein Ziel nicht erreicht, läuft Gefahr, im wirtschaftlichen Bereich lange zu brauchen, sich davon wieder zu erholen.“ Eingleisige Dritte Liga heißt das Zauberwort, das alle in den
Bann zieht. Sie startet im Sommer 2008 mit 20 Vereinen, vier davon können Zweite Mannschaften von Profi klubs sein. 37 Regionalligisten nehmen im kommenden Spieljahr das Unternehmen Qualifi kation in Angriff. Nahezu die Hälfte wird also de facto zum Absteiger, ist ein Jahr
später viertklassig, wenn nicht mindestens Platz zehn erreicht wird. Eine brutale Selektion. Es gibt kein Mittelfeld, nur hopp oder top. Stanislawski: „Wir werden unseren Verein mit Sicherheit nicht an die Wand fahren. Aber es ist ein schmaler Grat, das Risiko in einem kalkulierbaren Rahmen zu halten. Der eine oder andere wird über seine Verhältnisse leben und böse ins Verderben rennen.“ So ist die Haltung vieler Regionalligisten: Dem eigenen Wunsch, fi nanziell verantwortungsvoll zu handeln, steht die große Sorge gegenüber, dass die direkte Konkurrenz im Rennen um die wenigen Plätze an der Sonne dies eben nicht tut und für viel Geld alles kauft, was auch nur halbwegs unfallfrei kicken kann. So dürfte das kommende Spieljahr aufgrund hoher Gehälter und extrem vieler Wechsel ein Eldorado für Spieler und Berater werden. „Sie dürfen sich freuen“, sagt Vollmann. Stanislawski ergänzt: „Das Gehaltsniveau in der Regionalliga ist schon jetzt zu hoch. Viele Berater werden insgeheim denken: Das ist eine Kuh, die man wunderbar melken kann.“ Zumal eine mittelfristige Planung für die einjährige Quali-Hatz bei vielen erst einmal ad acta gelegt werden dürfte. Stattdessen wird alles dafür getan werden, einen Kader zu bauen, der möglichst sicher für ein Jahr Erfolg verspricht. Jetzt oder nie, lautet das Motto landauf, landab. Wobei das Nie für manche wörtlich zu stehen droht. Schon in der Vergangenheit haben Entscheidungsträger den Karren tief in den Dreck gefahren, indem sie über ihre Verhältnisse und die des Vereins gelebt haben. Fortuna Köln, VfB Leipzig, Hessen Kassel, FC Gütersloh oder Blau-Weiß 90 Berlin sind warnende Beispiele von Klubs, die völlig ausradiert wurden oder für Jahre in der Versenkung verschwanden, weil das Wollen ungleich höher angesiedelt war als das Haben. Nicht jeder ist schon jetzt in der Lage wie die Sportfreunde Siegen und kann die nächste Saison bereits planen. Kiel muss noch gegen den Abstieg kämpfen, St. Pauli hofft auf das Gegenteil. Zweitliga-Absteiger Siegen steht in der Tabelle jenseits von Gut und Böse. Christoph Hansen, der Aufsichtsratsvorsitzende, sagt daher: „Unsere Wintereinkäufe wie Christian Okpala und Enrico Gaede haben wir unter zwei Aspekten auch schon für die nächste Saison getätigt: Sie waren jetzt günstiger zu haben als im Sommer, und sie sind dann für die Konkurrenz nicht mehr auf dem Markt.“ Der Run auf Fußballer wird im Sommer in den beiden Regionalligen immens werden, aber noch nicht seinen Höhepunkt erreichen. Denn in der darauf folgenden Transferperiode II im Januar 2008 besteht die allerletzte Möglichkeit für bis dahin Enttäuschte und Enttäuschende, das Ruder noch einmal herumzureißen. „Dann wird es einen Großangriff auf die Spieler der Zweitligisten geben“, prognostiziert Peter Vollmann, der gleichzeitig aber auch die Fußballer davor warnt, sich schnell die Taschen vollzustopfen, ohne adäquate Gegenleistungen zu bieten: „Man darf nicht vergessen, dass die eingleisige Dritte Liga auch die Zahl der Arbeitsplätze nahezu halbiert. Vielen Spielern droht, dass sie in
ihren erlernten Beruf zurück müssen oder gar arbeitslos werden.“ Was macht diese neue Dritte Liga eigentlich so attraktiv? Die Komprimierung bedingt, dass noch häufiger überregional bekannte Traditionsvereine aufeinandertreffen. Dadurch verspricht man sich eine wesentliche Erhöhung der Fernsehgelder. Hier steht die Regionalliga eindeutig im Schatten der Großen. Derzeit erhält jeder Verein 360 000 Euro, gerade ein Zehntel der Garantiesumme für Zweitligisten. Deren Einnahmen aus diesem Bereich können sich über die Vierjahres- Wertung auf 7,2 Millionen
erhöhen. Dabei ist die Regionalliga schon jetzt ein beliebtes TV-Produkt. Das hat die ARD festgestellt, die seit Saisonbeginn Spitzenspiele samstags in ihrer Sportschau zeigt. Einschaltquoten von 19,3 Prozent verzeichnet der Sender, gerechnet hatte man mit 8 bis 9. Circa 12 Prozent sind es, wenn das DSF Zweite Liga zeigt. Auch eine Klasse tiefer, in den jetzigen Oberligen, wird der Wettbewerb in der nächsten Saison noch viel schärfer werden. Aus neun Staffeln entstehen drei mit je 18 Klubs. Ergibt 54 Plätze, von denen 17 diejenigen Regionalligisten belegen, die es nicht in die Dritte Liga schaffen. Bleiben 37 Plätze – für jetzt 159 Oberligisten! 122 müssen also absteigen, sind im Spieljahr 2008/09 fünftklassig. Rüdiger Lamm, Berater von Waldhof Mannheim, sagt: „Ich möchte gar nicht daran denken. Aber die fünfte Liga wäre für Waldhof eine fußballerische Katastrophe!“ Besonders schlecht fi ndet er, dass die Chance für einen Aufstieg im nächsten Jahr überhaupt nicht besteht. Es ist im besten Fall möglich, seinen viertklassigen Status zu erhalten. Daher setzt Franz Nerb,
Präsident des Bayernliga-Tabellenführers Jahn Regensburg, auf den sofortigen Gang nach oben. Doch damit sind die Pläne beim ehemaligen Zweitligisten noch nicht erfüllt. „Unser Ziel ist die eingleisige Dritte Liga“, so Nerb, der nicht zum fi nanziellen Hasardeur werden, aber die Mannschaft „auf circa fünf Positionen verstärken“ will. Auch er fürchtet die Konkurrenz: „Viele werden ins Risiko gehen. Wer die Qualifi kation dann
nicht schafft, wird vielleicht durchgereicht – bis ganz unten.“ Ein steiniger
Weg.
THOMAS ROTH
Entschluldigt die Formatierung... is äh aus ner anderen Quelle
