"Aufstand gegen das Sitzen"
David Conn war tief beeindruckt.
Der Journalist vom britischen "Guardian" hatte hinter die Kulissen des deutschen Fan-Protests "12doppelpunkt12 – Ohne Stimme, keine Stimmung" geblickt und sich dabei ins Herz der Dortmunder Südtribüne begeben.
Seine Eindrücke verarbeitete er in einer Reportage, die auf subtile Weise ehrliche Sehnsüchte nach einer Rückkehr zur Stehplatzkultur im englischen Fußball transportierte. Conn wird die jüngste Entwicklung in Manchester genau beobachten, wo in "Old Trafford" gerade ein zartes Pflänzchen namens Hoffnung keimt, Hoffnung auf eine Re-Revolution.
Denn die Zeiten, als man in ehrfürchtiger Demut das Haupt vor den großen englischen Fankurven neigte, sind "längst vorbei", bestätigt mir mein Kollege Toby Keel von Eurosport UK.
Die Dinge haben sich geändert, die Definition von Begrifflichkeiten ebenfalls. Einst stand "Englische Atmosphäre" für eine recht eigenwillige Kakophonie aus brachialem Gebrüll, donnerndem Klatschen und elektrisierend schönen Fangesängen mit einem schier endlosen Repertoire an Texten, von denen einige auch dem hartgesottensten FSK-Prüfer die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.
Das Sitzen hat einen tragischen Grund
Wer heute mit Blick auf die Premier League von "Englischer Atmosphäre" spricht, thematisiert den schleichenden Niedergang genau jener Fankultur. "Sie ist nicht mal ein Schatten dessen, was sie einmal war", beklagte Kevin Miles, Vorsitzender der einflußreichen Football Supporters Federation (FSF), vor einem Jahr gegenüber dem Kicker.
Hin und wieder blüht die Erinnerung auf, wenn die "Big Four" aufeinandertreffen: United auf Liverpool oder Chelsea auf Arsenal. Und manchmal wird man auch noch bei kleineren Klubs auf eine atmosphärische Reise in die Vergangenheit entführt. In West Hams "Upton Park" beispielsweise, bei den Spurs an der "White Hart Lane" oder im "St. James Park" von Newcastle United.
Man muss dabei zwingend erwähnen, dass der englische Fußball speziell in den 70er- und 80er-Jahren von einer beispiellosen Welle der Gewalt überrollt wurde, die Exzesse des Hooliganismus eskalierten in einem öffentlichen Terror, der eine ganze Nation erschütterte. Wer heute in Deutschland von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" spricht, macht sich lächerlich. In England war dieser Zustand hingegen brutale Realität.
Die Eindrücke der schlimmen Stadion-Katastrophen von Bradford und Heysel aus dem Jahr 1985 mit insgesamt 95 Toten und 719 Verletzten war noch frisch, als sich im Hillsborough-Stadion von Sheffield am 15. April 1989 eine nationale Tragödie von internationaler Tragweite ereignete. Im Halbfinale des FA Cups zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest kosteten Blocküberfüllung sowie Fehlverhalten von Polizei und Ordnungsdienst 96 Menschen das Leben, 766 Fans wurden verletzt.
Wer nicht sitzt, ist asozial
Obwohl die Auslöser von Bradford und auch Hillsborough nicht mit Hooliganismus in Zusammenhang standen, reagierte die Politik umgehend und radikal. Nur zwei Tage nach der Katastrophe ebnete Innenminister Douglas Hurd den Weg für ein Gesetz, welches auf Basis des "Taylor Reports" ab 1994 das Ende der Stehplatzkultur in England besiegelte. Kontinentaleuropäische Gästefans wurden nun gerne mal über Lautsprecher aufgefordert sich zu setzen, Stehen wurde als "asozial" gebrandmarkt.
Zudem wurden die Ticketpreise für die umkonstruierten "All Seater"-Stadien massiv verteuert, um den Fußball für gewisse Gesellschaftsschichten zu privilegieren.
In Manchester will man nun die Zeit zurückdrehen. Zu offensichtlich sind die Folgen für die Stimmung im legendären Old Trafford. Im "Theatre of Dreams" hat ein Operettenpublikum Platz genommen, was mittlerweile an den Salford Quays schon als rufschädigend wahrgenommen wird.
Und so startet in der Champions League gegen Real Sociedad ein bemerkenswertes Pilot-Projekt: Für 1.400 stimmungswillige Fans wird auf dem "East Stand" eine sogenannte "Singing Section" eingerichtet. Doch die FSF geht noch weiter, setzt sich mit dem Slogan "Safe Standing" leidenschaftlich für eine Rückkehr zur Stehplatzkultur ein.
Deutsche Bundesliga als Vorbild
Ihre Argumente unterfüttern die Initiatoren mit dem Hinweis auf den technischen Fortschritt bei Sicherheitsaspekten und zeigen dabei demonstrativ auf die deutsche Bundesliga. Ihre Argumente finden immer mehr Sympathisanten, darunter auch Arsenals Geschäftsführer Ivan Gazidis oder West Hams Teammanager Sam Allardyce. Aber auch kleinere Klubs wie Aston Villa, Cardiff, Sunderland, Crystal Palace, Swansea und Hull City stehen hinter den Vorschlägen.
Bei keinem Top-Klub wird die Unterstützung so konkret wie in Manchester. Uniteds Geschäftsführer Ed Woodward lässt aktuell sogar einen möglichen Rückbau auf Stehplätze prüfen. Obwohl die FSF erfolgreiche Überzeugungsarbeit leistet, besteht zur Euphorie noch kein Grund, zerplatzt doch der Traum von Stehplätzen bislang am politischen Willen.
Denn in letzter Instanz ist es der Gesetzgeber, der den "Football Spectators Act" aus dem Jahr 1989 aufheben müsste, um den Weg für Stehplätze freizumachen. Toby Keel glaubt nicht, dass man in den nächsten Jahren signifikante Änderungen hin zu einer Re-Revolution erwarten kann.
"Solange Hillsborough immer noch in den Köpfen steckt, ist so ein Wandel kaum vorstellbar", meint der Eurosport-Redakteur. "Die öffentliche Meinung ist noch nicht soweit. Den Anstoß müsste das Parlament geben, aber keine Partei wird darin einen politischen Vorteil erkennen."
Der Politik fehlt der Eigennutz
Man würde zwar ein paar tausend Stimmen leidenschaftlicher Fußballfans gewinnen, aber in anderen Punkten die öffentliche Meinung verlieren, da der Fußball durch das Stehplatzverbot viel sicherer und familienfreundlicher geworden sei. Zudem, vermutet Keel, würde keine Partei das Verbot knicken und den politischen Selbstmord riskieren, wenn dann erneut etwas passieren würde.
Die emotionalen Bedenken sind verständlich, aus rationaler Sicht aber unbegründet. Denn die Dinge ändern sich. Ein Vierteljahrhundert nach Hillsborough kann moderne Stadionarchitektur jene Sorgen ausräumen, die den "Football Spectators Act" einst ins Leben gerufen hatten.
Speziell in der Bundesliga wird die Sicherheit moderner Stehplatzkonzepte allwöchentlich vorgelebt. Fans und Funktionäre in England erkennen das, immer mehr zeigen sich aufgeschlossen. Die Hoffnung auf eine Restauration der Fankultur im britischen Fußball muss somit nicht begraben werden.
Da allerdings dieses Hoffen auf Zukünftiges nicht ohne das Erinnern an Vergangenes funktioniert, erfordert der Prozess neben einer Menge Geduld noch etwas anderes: Sensibilität.
Aus Respekt vor den Angehörigen der Opfer von Hillsborough.
Michael Wollny
Der Eurosport-Redakteur auf Twitter: @Michael_Wollny
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