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Liebling Kreuzberg
Der multikulturelle Fußballverein Türkiyemspor Berlin erhält für sein soziales Engagement den Integrationspreis des DFB.
Krankenpfleger ist Cetin Özaydin von Beruf, und irgendwie trifft diese Bezeichnung auch auf seine Tätigkeit bei Türkiyemspor zu. Der Fußballverein aus dem Berliner Bezirk Kreuzberg leidet unter den Angriffen von Rechtsextremisten, seit seiner Gründung vor dreißig Jahren. "Nach der Wende ist es am schlimmsten gewesen", sagt Özaydin. Als sich in Cottbus die Spieler Türkiyemspors einmal Richtung Kabine aufmachten, standen Jugendliche mit Baseballschlägern Spalier - von solchen Geschichten könnte Cetin Özaydin Dutzende erzählen. Dass die Spieler bespuckt, beleidigt, mit Fladenbrot beworfen und mit Bier begossen werden, erwähnt er gar nicht mehr. Er würde von der Konkurrenz nur wieder in die Jammerecke gestellt.
"Die Mechanismen der Ausgrenzung sind immer die gleichen"
Cetin Özaydin, 41, geboren in der Türkei, aufgewachsen in Deutschland, leitet den Förderverein Türkiyemspor, einen der bekanntesten Migrantenklubs Europas. Jeden Tag muss er bei den Behörden nachfragen, ob das Training gesichert ist. Türkiyemspor hat keine feste Anlage, die Spieler müssen sich in anderen Bezirken fit halten. Seit Jahren soll sich das ändern, versprechen Politiker, die in der Geschäftsstelle in der Admiralstraße vorbeischauen, vor allem im Wahlkampf. "Chancengleichheit gibt es nicht", sagt Özaydin und macht mit seiner Hand eine abwinkende Bewegung. "Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt existierten." Für sein Engagement wird Türkiyemspor an diesem Freitag in Sindelfingen der erste Integrationspreis des Deutschen Fußball-Bundes verliehen. Es ist eine der wichtigsten Ehrungen, die der DFB zu vergeben hat. Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, wird den Preis überreichen.
Die Auszeichnung ist ein seltenes Signal der Wertschätzung, das Cetin Özaydin für die Zukunft motiviert. Lange hat er als Gewerkschafter gearbeitet. Wenn es sich lohnte zu protestieren, dann protestierte er. Aber er will nicht weinerlich erscheinen, er sucht lieber nach Lösungen. Türkiyemspor steht ein Jahresetat von 100000 Euro zur Verfügung. Der Klub hat es schwer Sponsoren zu finden, vor allem deutsche Firmen engagieren sich woanders. So ist man auf Hilfe in der Gemeinschaft angewiesen, auf Trikots eines spendablen Fans oder ein paar Kisten Wasser aus dem türkischen Geschäft um die Ecke.
Ehrung durch Oliver Bierhoff
Der größte Teil des Budgets fließt in den Sport, in das Oberligateam und in die Nachwuchsabteilung. Was übrig bleibt, fließt in Sozialarbeit. Cetin Özaydin und seine Kollegen sind jeden Tag unterwegs, in Schulen, Kindertagesstätten, Jugendklubs, Vereinsheimen oder Moscheen. Türkiyemspor hat ein Netzwerk aufgebaut, mit Projekten gegen Rassismus oder Gewalt gegen Frauen. Für eine Initiative gegen Homophobie ließen sich die Spieler nackt fotografieren. "Die Mechanismen der Ausgrenzung sind immer die gleichen", sagt Özaydin, "ob es sich um Homosexuelle, Juden oder Türken handelt."
Cetin Özaydin spricht nicht wie ein Funktionär, eher wie ein Sozialarbeiter. Seine Stimme überschreitet den Flüsterton kaum. "Unser Arbeitsgebiet ist groß." In den Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain leben etwa eine Million Menschen, Arbeitslosenquote und Kriminalitätsrate liegen über dem Durchschnitt. "Ein Verein, der hier so viele Menschen bewegt, sollte Hilfe leisten." Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, für andere nicht. Bundesligist Hertha BSC ist ein Beispiel. Der Jahresetat liegt bei weit über 60 Millionen Euro, aber abgesehen von ein paar Plakaten und der einen oder anderen als Benefizspiel getarnten Testpartie hat Hertha wenig Ideen zu bieten, im Kampf gegen die Ablehnung von Minderheiten.
» Chancengleichheit gibt es nicht. Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt existierten. «
Cetin Özaydin
Celal Bingöl kann sich schnell in Rage reden, wenn es um halbherzige Unterstützung von Politikern oder Verbänden geht. Der Präsident von Türkiyemspor spricht mit seinem ganzen Körper. Es war Anfang der siebziger Jahre, als Familie Bingöl aus einem Dorf in Anatolien nach Berlin übersiedelte. Die Großstadt war für den Jungen wie eine fremde Welt, das Tempo, die Sprache, die Vielfalt. Mit seiner Schwester spielte er oft an einem Grenzübergang an der Mauer. Eines Tages warf ihm ein afroamerikanischer Soldat einen bösen Blick zu. Celal Bingöl hatte noch nie einen Farbigen gesehen, er erschrak und versteckte sich in einem Graben. "Heute habe ich viele dunkelhäutige Freunde", sagt er. "Auch dank des Fußballs."
Die Erfahrungen, die Celal Bingöl gemacht hat, haben viele Kinder in Berlin noch vor sich. Von den mehr als 100000 Berlinern, die in Vereinen Fußball spielen, ist etwa ein Drittel ausländischer Herkunft. Rund 20000 haben türkische Wurzeln. Mehr als ein Viertel der über 200 Berliner Fußballklubs haben einen Migranten-Hintergrund. Der größte ist Türkiyemspor, der Verein ist ein Spiegelbild seiner Umgebung. Allein sieben Nationalitäten sind in der ersten Mannschaft vertreten.
Der Traum vom FC Bayern
In einem sozialen Brennpunkt des eingemauerten Westberlins hatten sich Gastarbeiter 1978 dem Hobbyfußball verschrieben. Im Zuge des sportlichen Aufstiegs strömten immer mehr Anhänger ins Katzbachstadion. Ende der Achtziger hatte sich Türkiyem, was so viel bedeutet wie "meine Türkei", hinter Hertha und Tennis Borussia zur dritten sportlichen Kraft in Berlin entwickelt. Tausende Zuschauer verfolgten die Heimspiele, und sie mussten mit ansehen, wie ihre Mannschaft 1991 den Aufstieg in die zweite Bundesliga knapp verpasste. "Wir träumen alle vom Profifußball, von Spielen gegen den FC Bayern München oder Hertha BSC, wir sind schließlich ein Leistungsverein", sagt Celal Bingöl und nippt an seinem Teeglas. "Aber das allein kann es nicht sein." Für ihn gehört der Fußball zur Familienerziehung. Und er meint das durchaus wörtlich.